(erschienen in: Archäologisches Nachrichtenblatt 10 (2), 2005)
Bericht über die Tagung des Verbandes der Landesarchäologen in der Bundesrepublik Deutschland e.V. vom 3. bis 5.5.2003 in Bad Bederkesa, Niedersachsen
Die Jahrestagung 2004 des Verbandes der Landesarchäologen in der Bundesrepublik Deutschland (VLA) fand vom 3. bis 5. Mai im niedersächsischen Bad Bederkesa statt.
Das sechzigköpfige Gremium mit Vertreterinnen und Vertretern aus allen Landesämtern versteht sich in der durch die Kulturhoheit der Länder gekennzeichneten föderalen Struktur der Bundesrepublik als Plattform für den Länder übergreifenden Informationsaustausch, als Koordinator in der archäologischen Denkmalpflege und als Sprachrohr gegenüber dem breiten Partnerfeld.
Die im Kern mittelalterliche Burg Bederkesa, Sitz der Kreisarchäologie und des archäologischen Museums für das Elbe-Weserdreieck, bot den Rahmen für die gemeinsam von der Archäologischen Denkmalpflege des Landkreises Cuxhaven und dem Niedersächsischen Landesamt für Denkmalpflege organisierten Tagung. Hier hatten die Gäste auch Gelegenheit, in der Ausstellung die bedeutendsten Fundplätze des Elbe-Weserdreiecks wie z.B. Flögeln, Feddersen Wierde und Wremen-Fallward kennen zu lernen.
Mitgliederversammlung
Aus dem Kreis der neu berufenen Mitglieder seien folgende hervorgehoben: Bereits zum 1.6.2003 übernahm Prof. Dr. Reiner-Maria Weiß die Leitung des Hamburger Helms Museums und damit den Posten des Landesarchäologen für die Hansestadt Hamburg. Zum 1.2.2004 trat Prof. Dr. Claus von Carnap-Bornheim Nachfolge des langjährigen Vorstandsmitgliedes Prof. Dr. Joachim Reichstein als Leiter des Archäologischen Landesamtes Schleswig-Holstein an. Der neue Direktor des Römisch-Germanischen Zentralmuseums in Mainz, Prof. Dr. Falko Daim, ist im Gremium als beratendes Mitglied Kraft Amtes vertreten. Der Vorsitzende des Verbandes, Prof. Dr. Jürgen Kunow gab in Bad Bederkesa bekannt, dass der zum 1.7.2004 die Nachfolge von Prof. Dr. Harald Koschik als Leiter des Rheinischen Amtes für Bodendenkmalpflege antreten werde. Eine vollständige Auflistung aller Mitglieder sowie weitere Informationen finden sich im Internet unter www.landesarchaeologen.de.
Die Vorstandsmitglieder des Verbandes berichteten über ihr Engagement in der Lobbyarbeit für die archäologische Denkmalpflege in allen wichtigen Denkmalpflegegremien wie dem Deutschen Nationalkomitee für Denkmalschutz (DNK), der Deutschen Stiftung Denkmalschutz (DSD) und dem Unterausschuss Denkmalpflege (UAD) der Kultusministerkonferenz (KMK). Oft auf Wunsch einzelner Mitglieder hat der Vorsitzende eine Reihe von Appellen, Stellungnahmen und Kommentaren z.B. zur drohenden Schließung verschiedener Lehrstühle und zu den in mehreren Bundesländern anstehenden Gesetzes- und Strukturänderungen abgegeben.
Kommissionen und Arbeitskreise
Die Arbeit des Verbandes der Landesarchäologen stützt sich ganz wesentlich auf ihre Kommissionen und Arbeitskreise, die sich mit reinen Fachthemen, Aspekten der Öffentlichkeitsarbeit und der Lobbyarbeit im politischen Raum beschäftigen. Sie können wie die Prüfungskommission für Grabungstechniker/innen als dauerhafte Institutionen eingerichtet sein oder arbeiten zeitlich begrenzt an ganz aktuellen Themen.
Der neue Sprecher der Kommission Raubgrabungen und Metallsuchgeräte, Dr. Detlef Jantzen, Neustrelitz, legte das von der Gruppe erarbeitete Diskussionspapier Überlegungen und Anregungen zum Thema Sondengänger vor. In der ausführlichen Diskussion wurde einmal mehr zwischen den Polen illegale Archäologie und wissenschaftlicher Nutzen über die Frage einer Kooperation mit Sondengängern unter klaren Spielregeln bei strikter Verfolgung der Regelverstöße vs. totaler Ablehnung diskutiert. In jedem Falle besteht akuter Handlungsbedarf auch und gerade für den Verband, der sich ja als Klammer über der Vielfalt der föderalen Gesetze, Traditionen und Erfahrungen versteht.
Ein Expertenhearing soll das für das Jahr 2005 geplante Kolloquium mit dem Arbeitstitel Illegale Archäologie, Sondengänger vorbereiten, dessen Ziel trotz der recht unterschiedlichen Landesbedingungen und die Findung eines möglichst einheitlichen Standpunktes innerhalb des Verbandes der Landesarchäologen mit der Verabschiedung eines Positionspapiers sein soll.
Dr. C. Sebastian Sommer, München und Dr. Hauke Jöns, Schwerin, berichteten über die Arbeit der Kommission Grabungstechnikerfortbildung, aus deren Kreis sich neben Vertretern der Römisch-Germanischen Kommission in Frankfurt und seitens des Verbandes deutscher Restauratoren (VDR) entsendeten Grabungstechnikern das Gremium zur Abschlussprüfung beim sog. Frankfurter Modell rekrutiert. Durch die Entscheidung des VDR, diese dreijährige Fortbildung zum/zur Grabungstechniker/in ab 2006 nicht mehr zu unterstützen, wurde nach Lösungsmöglichkeiten gesucht, um diesen bewährten Ausbildungsgang weiterzuführen. Ein Fachhochschulstudium der Grabungstechnik wird derzeit nur durch die FHTW Berlin angeboten. Versuche, an anderen Orten Studiengänge einzurichten oder Berufsakademien in die durch die Landesämter geleistete Fortbildung einzubinden, scheiterten bislang an der zu geringen Zahl der Fortzubildenden. Ein Gespräch mit dem Präsidenten der VDR soll dessen weitere Mitarbeit beim inzwischen modernisierten Frankfurter Modell ausloten, die ansonsten durch die Grabungstechniker der Landesämter geleistet werden könnte.
Die Kommission für Unterwasserarchäologie hat den 10. Band ihres Nachrichtenblattes NAU herausgebracht. In Vertretung des verhinderten Kommissionsvorsitzenden, Dr. Helmut Schlichtherle, berichtete Frau Dr. Julia Obladen-Kauder, Xanten, über intensive Gespräche mit den Verbänden der Sporttaucher über deren Sensibilisierung für denkmalgerechtes Tauchen schon in ihrer Ausbildung und die Einrichtung von Museen zur Unterwasserarchäologie. Die Kommission berichtete über spezielle Angebote für den Tag des Offenen Denkmals 2004 zum Motto Wasser und über die Vorbereitungen des internationalen Kongresses zur Unterwasserarchäologie im Oktober 2004.
Die Kommission Denkmalpflege und Schulbuch hat ihre bereits im Vorjahr vorgestellte Mappe zur kritischen Durchsicht ausgewählten Lehrern und Kinderbuchautoren weitergegeben. Kommissionssprecherin Dr. Gabriele Isenberg, Münster, berichtete, dass die Rückläufe in die Überarbeitung der Schülerarbeitsbögen im Herbst eingehen werden. In diversen Bundesländern gibt es inzwischen teilweise recht erfolgreiche Bemühungen zur stärkeren Einbeziehung von Archäologie in Schulbüchern. Auch Aktivitäten der Deutschen Stiftung Denkmalschutz gehen in diese Richtung. Allerdings ist es teilweise schwierig, die Curricula von der heimischen Ur- und Frühgeschichte zu überzeugen.
Die zunächst im Archäologischen Nachrichtenblatt 4 (1999) und dann in überarbeiteter Fassung auf der o.g. Homepage des Verbandes publizierte Zusammenstellung Archäologische Ausgrabungen und Prospektionen" zeigt in Form einer Empfehlung die Standards für archäologische Grabungen auf. Damit ist die Schrift eine wichtige Ergänzung zum Handbuch der Grabungstechnik". Wie der Sprecher der Kommission Grabungsstandards, Dr. Christoph Grünewald, Münster, berichtete, wird die Schrift laufend aktualisiert und ergänzt. Die nächsten Texte zum grabungstechnischen Umgang mit Mühlen und Brücken sind bereits fertig. Die Standards bei der Dokumentation von Wegen und Straßen und in der Montanarchäologie befinden sich in Bearbeitung und die Themen Industriearchäologie sowie digitale Dokumentation wurden begonnen.
Für die Kommission Bauleitplanung berichtet Dr. Friedrich Lüth, Schwerin, dass die gemeinsam mit der AG Städtebauliche Denkmalpflege der Vereinigung der Landesdenkmalpfleger überarbeiteten Papiere erst nach Abschluss der anstehenden Änderungen im Baugesetzbuch harmonisiert und verteilt werden können.
In Vertretung von Prof. Dr. Dieter Planck, Esslingen, berichtete Herr Matthias Schön M.A., Bad Bederkesa, aus der Arbeit der Kommission Zusammenarbeit mit kommunalen Archäologen. Sie dient dem engen Gedankenaustausch zwischen den Aufgaben und Zielen der Archäologinnen und Archäologen im staatlichen und kommunalen Dienst. Vielerorts werden wesentliche Aufgaben der archäologischen Denkmalpflege von Stadt- und Kreisarchäologen wahrgenommen. In einer engeren Vernetzung liegt ein enormes fachliches und fachpolitisches Potenzial. Die Kommission erarbeitet eine Geschäfts- und Wahlordnung für die z.Z. 84 hauptamtlich und überwiegend in der archäologischen Denkmalpflege beschäftigten und mit mindestens dreijährigen Verträgen bei den Kommunen angestellten Kolleginnen und Kollegen. Der Bedarf nach einer stärkeren öffentlichen Präsenz soll u.a. durch regelmäßige Berichte jeweils im Heft 3 des Archäologischen Nachrichtenblattes und eine umfangreichere Internetpräsenz über die o.g. Homepage erreicht werden. Ein Papier zu Aufgaben und Bedeutung der kommunalarchäologischen Denkmalpflege ist in Arbeit. Die Mitarbeit in anderen Fach-Arbeitsgruppen soll weniger von Proporzgedanken, als vielmehr von der gezielten Kenntniseinbringung geleitet sein. Die Arbeitsgemeinschaft der deutschen Kommunalarchäologen tagte zur gleichen Zeit in der gegenüber der Burg gelegenen Amtsscheune.
Vor dem Hintergrund des für die archäologische Denkmalpflege immer wichtiger werdenden Einsatzes digitaler Fachinformationssysteme wurde beschlossen, eine Kommission Archäologie und Informationssysteme aufzubauen. Die Kommission, mit deren Leitung Dr. Henning Haßmann, Hannover, beauftragt wurde, soll sich mit Fragen des Einsatzes von Geografischen Informationssystemen und verwandten Themen beschäftigen. Die Arbeitsgruppe soll als Plattform zum Austausch von Informationen und Erfahrungen sowie ggf. zur Vorbereitung von Standards beim Einsatz Geografischer Informationssysteme bilden. Im Vordergrund stehen Plattform- und Software-unabhängige Open-GIS-Konzepte (OGC), aber auch Erfahrungen mit kleinen Lösungen sollen erörtert werden. Dabei sollten Themen wie das Verhältnis zur Landesvermessung und anderen Partnern mit digitalen Kartenbeständen, Verfügbarkeit digitaler Karten, insbesondere unter dem Aspekt von Web-Map-Services, Zugriffsberechtigungen, Bereitstellungskosten, Vertragsgestaltung und Zusammenarbeit mit dem Bundesamt für Kartographie und Geodäsie behandelt werden. Die Organisation von Fachdaten und Geodaten (z.B. Semantik der Fachdaten, Speicherung und Aktualisierung) und der Einsatz von XML und XSLT. Da der Aufbau einer Geodateninfrastruktur derzeit in fast allen Bundesländern ansteht, ist es an der Zeit, nicht nur den Länder übergreifenden Austausch zu fördern, sondern auch aktiv in den politischen Raum zu gehen, um Mittel für den Auf- bzw. Ausbau neuer Informationssysteme zu akquirieren. Dabei gilt es auch, Fördermöglichkeiten z.B. durch Teilnahme an GDI(Geodateninfrastruktur)-, eGovernment und EUBAM-Projekten auszuloten.
In einem Rückblick zur großen Ausstellung Menschen, Zeiten, Räume Archäologie in Deutschland wurde die enorme Gemeinschaftsleistung beim Zustandekommen des von der Stiftung Berliner Klassenlotterie, der Stiftung Preußischer Kulturbesitz und dem UAD der KMK mitfinanzierten Ausstellungsprojektes gewürdigt. Die vom Museum für Vor- und Frühgeschichte unter der Federführung von Prof. Dr. Wilfried Menghin koordinierte Exposition hat in Berlin 130.000 und in Bonn 70.000 Menschen angelockt. Der Begleitband verkaufte sich häufig in Kombination mit dem von der RGK herausgegebenen Band Spuren der Jahrtausende etwa 20.000 Mal.
Aus der breit gefächerten Öffentlichkeitsarbeit des Verbandes seien nur einige Aspekte herausgegriffen: Die Internetseite www.landesarchaeologen.de soll in der Rubrik News noch aktueller werden. Eine Reihe wichtiger Publikationen, Leitfäden und Materialsammlungen stehen dort bereits als Downloads zur Verfügung. Nach Prüfung der Rechte soll dieser Service auch auf gedruckte, insbesondere vergriffene Kolloquiumsberichte erweitert werden. Aus der AG Öffentlichkeitsarbeit des DNK berichtete Dr. Henning Haßmann, Hannover, über das Vorhaben, in einer Plakat- und Anzeigenaktion prominente Denkmaleigentümer mit ihren Denkmalen vorzustellen. Etwaige sinnvolle Beispiele aus der Archäologie sollten mit einbezogen werden. Das DNK plant weitere Faltblätter; ein Blatt über Stadtbefestigungen ist in Arbeit. Die Denkmalschutzinformationen (DSI) sollen verbessert werden. Die archäologische Denkmalpflege sollte viel mehr Beiträge in die DSI einspeisen, denn die enorme Verbreitung der Vierteljahresschrift gewährleistet eine breite Leserschaft. Mit Kalkriese hat immerhin ein archäologisches Denkmal Eingang in die limitierte Festschrift zum 25-jährigen Bestehen des DNK gefunden. Es wurde appelliert, mehr Kandidaten aus dem Bereich Archäologie für den Denkmalpreis des DNK zu nominieren, in dessen Jury der Vorsitzende des Verbandes qua Amt vertreten ist.
Über ein neues Fernsehformat auch zur archäologischen Denkmalpflege wird intensiv nachgedacht. Ganz konkret sind langfristige Planungen zu einer Staffel über die Germanen, in die auch aktuelle Grabungsergebnisse einbezogen werden sollen. Anlässlich der Präsentation des Prototypen des GPS-gestützten mobilen Denkmalinformationssystems mobiDenk auf der Computermesse CeBIT wurde seitens der Mobilfunkbetreiber das grundsätzliche Interesse bekundet, ihren Kunden archäologische Highlights als Points of Interest anzubieten.
Dr. Friedrich Lüth, Schwerin, berichtete als Vorstandsmitglied für Europaangelegenheiten über die positive Mitgliederentwicklung beim europäischen Archäologenverband EAC, bei dem bereits 23 von insgesamt 41 Staaten des Europarates ihre Mitgliedschaft erklärt haben. Unter den Staaten, die noch nicht in den Verband eingetreten sind, befinden sich insbesondere solche, in denen eine staatliche Denkmalpflege fehlt. Eine Umfrage des EAC unter den einzelnen Mitgliedsstaaten des Europarates zum Stand der Umsetzung der Konvention von Malta lässt trotz der nur etwa fünfzigprozentigen Rücklaufquote den Schluss zu, dass die Ziele der Konvention in weiten Teilen Eingang in nationale Regelwerke gefunden hat. Der EAC ist aktiv in den Arbeitsgruppen Unterwasserarchäologie, Luftbildarchäologie, Agri-Environment und Cold-War-Monuments. Die Kontakte zu den Lenkungsgruppen der Landschaftskonvention von Florenz und der Feuchtbodenkonvention dienen dem Ziel, die Belange der archäologischen Denkmalpflege einzubringen. Die in Arbeit befindliche Europäische Kulturerbekonvention ist für Deutschland aufgrund bestehender Gesetze eher von untergeordneter Bedeutung. und scheint vornehmlich für Länder entworfen zu sein, in denen Kulturgüter einen geringeren gesetzlichen Schutz genießen.
Die Verbandsvertreterin bei der internationalen Denkmalpflegevereinigung ICAHM, Dr. Bettina Stoll-Tucker, Halle, wies auf den intensiven internationalen Informationsaustausch hin, den sie für die deutsche Denkmalpflege auswertet. Ein Schwerpunkt der ICAHM-Arbeit des Jahres 2004 war die Berliner Erklärung zur illegalen Archäologie. Näheres erfährt man auf der Website der ICAHM.
Die Deutsche Stiftung Denkmalschutz hat im Jahre 2002 2.600 Denkmäler gefördert. Wie das Mitglied der Wissenschaftlichen Kommission, Dr. Bendix Trier, Münster, weiter berichtete, spielen archäologische Projekte dabei eine untergeordnete Rolle. Dennoch ermutigte er die Kollegenschaft, Anträge aus der archäologischen Denkmalpflege zu stellen, allein um den Bedarf in diesem Bereich zu dokumentieren. Grundsätzlich seien die Mittel knapper geworden. Aussicht auf Erfolg hätten insbesondere ganz besondere Rettungsgrabungen. Während die Sichtbarmachung von Befunden gefördert werden könnte, so seien Schutzbauten ausgeschlossen. Naturwissenschaftliche Untersuchungen, Restaurierung herausragender Funde und die Sachförderung von Tagungen und die Präsentation von Denkmälern könnten gefördert werden.
Prof. Dr. Siegmar von Schnurbein, Frankfurt, erläuterte, das man auf dem Weg, durch eine Bündelung aller archäologischen Interessensvertretungen und Verbände der Stimme der Archäologie ein größeres Gewicht zu verleihen, durch die neue Satzung des Präsidiums der deutschen Verbände für Altertumsforschung nun deutlich näher gekommen ist, in dem der Beitritt des Deutschen Archäologenverbandes ermöglicht wurde.
Aus den Berichten zur Situation der Landesarchäologie in den Bundesländern seien nur einige Aspekte herausgegriffen:
Durch die Auflösung der meisten Landesbehörden und die gleichzeitige Stärkung der Regierungspräsidien in Baden-Württemberg wird das Landesdenkmalamt zum Ende 2004 aufgelöst und in vier Gebietseinheiten den Regierungsbezirken zugeordnet werden. Für landesweite Aufgaben ist eine Art Zentrale geplant. Die Denkmalpflege ist dann nicht mehr beim Wirtschafts- sondern beim Innenministerium angesiedelt. Die Umstrukturierung wird zu einer Novellierung des Denkmalschutzgesetzes führen.
In Rheinland-Pfalz zeichnet sich eine für die archäologische Denkmalpflege positive Entwicklung ab, denn der Entwurf des neuen Denkmalschutzgesetzes sieht allerdings mit deutlichen Einschränkungen die Verankerung des Verursacherprinzips vor.
Im Saarland wird durch Auflösung der Unteren Denkmalschutzbehörden und des Staatlichen Konservatoramtes das bisherige dreistufige Verfahren in der Denkmalpflege verlassen. Das neue Landesdenkmalamt wird als Stabstelle direkt dem Umweltministerium zugeordnet.
Die bald anstehende Novellierung des Denkmalschutzgesetzes in Sachsen wird nach einer Fusion von archäologischer Denkmalpflege und Baudenkmalpflege zu einem Personalabbau führen. Mit Unterstützung der Braunkohleabbauunternehmen MIBRAG ist die Stiftung Pro Archaeologia Saxoniae gegründet worden, die durch die Vergabe von Auszeichnungen, Stipendien und Forschungsprojekten die Archäologie im sächsisch-schlesisch-böhmischen Raum fördert. In Sachsen wurde ein neues digitales Verfahren zur Funddokumentation entwickelt, das eine erhebliche Beschleunigung der Fundaufnahme verspricht und sogar Hohlkörper zu erfassen vermag.
Mit der Entscheidung der niedersächsischen Landesregierung, die vier Bezirksregierungen als Mittelinstanzen abzuschaffen, werden auch die dort angesiedelten Denkmalschutzdezernate zum 1.1.2005 aufgelöst und als Stützpunkte dem Niedersächsischen Landesamte für Denkmalpflege zugeordnet, dessen Zentrale in Hannover liegt. Mit der Neuorganisation der Denkmalpflege geht ein drastischer Stellenabbau einher. Im Zuge der Neuorganisation übernehmen die Kommunen weitere Verantwortung für den Schutz der Kulturdenkmale. Zu einigen kritischen Punkten bei der anstehenden Anpassung des Niedersächsischen Denkmalschutzgesetzes hat sich auch der VLA zu Wort gemeldet.
In Bayern zeichnet sich nach der bereits vollzogenen Strukturreform eine weitere einschneidende Veränderung ab: Die Hälfte der bislang acht Dienststellen des Landesamtes sollen aufgelöst werden, was zur starken Einschränkung der Flächenversorgung des größten Bundeslandes führen wird.
In Sachsen-Anhalt werden die Baudenkmalpflege und die archäologische Denkmalpflege zu einem gemeinsamen Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie fusioniert. Die geforderten Stelleneinsparungen können in der Archäologie durch Etatveränderungen kompensiert werden.
Abschließend wurde darüber diskutiert, inwieweit die europäische Konvention von Malta bei der Novellierung der föderalen Denkmalschutzgesetze berücksichtigt wurde. Trotz klarer Vorgaben der EU zeigt die Konvention bislang kaum Auswirkungen auf die Landesgesetze.
Zum abendlichen Empfang des Landes und des Landkreises in der Burg Bederkesa hieß Kai Uwe Bielefeld, den die meisten durch dessen Vortrag auf dem Ulmer Kolloquium des Vorjahres bereits kannten (vgl. Arch. Nachrbl. 2/2004), die Gäste in seiner neuen Funktion als Landrat im Landkreis Cuxhaven willkommen. Er erläuterte die Bedeutung der Archäologie für den strukturschwachen Kreis mit der Größe des Saarlandes, der seine wirtschaftlichen Schwerpunkte in der Landwirtschaft und im Tourismus habe. Die archäologische Denkmalpflege im Elbe-Weserdreieck habe eine lange Tradition und genieße große Akzeptanz in Politik und Bevölkerung. Die Investitionen in die personell und materiell sehr gut ausgestattete archäologische Denkmalpflege des Landkreises rechne sich trotz der schwierigen Finanzlage, denn die Archäologie liefere einen wichtigen Beitrag zur kulturellen Identität der Region und die kommunale Denkmalpflege helfe bei der Bewältigung der zusätzlichen Aufgaben, die die niedersächsischen Kommunen bereits übernommen haben und im Zuge der Neuroganisation der Denkmalpflege übernehmen werden.
Frau Dr. Annette Schwandner, die neue Leiterin der Kulturabteilung im niedersächsischen Ministerium für Wissenschaft und Kultur, übermittelte die Grüße des verhinderten Wissenschaftsministers Lutz Stratmann. Sie skizzierte die aktuelle Situation der Denkmalpflege in Niedersachsen, die im 25-jährigen Jubiläum des Denkmalschutzgesetzes vor einschneidenden Veränderungen steht. Sie begrüßte, dass der VLA die ihrer Ansicht nach notwendige Debatte Länder- und Institutionen- übergreifend jetzt, in einer schwierigen Zeit für die Denkmalpflege, führe. Der Strukturwandel und die Finanzkrise in Bund, Land und Kommunen zwinge auch die Denkmalpflege zur Neuorientierung. Die Schlüsselfragen seien: Von welchen Aufgaben kann sich die staatliche Denkmalpflege in einem solchen Prozess trennen? Welche Aufgaben können in andere Hände abgegeben werden? Was muss unabweisbar als staatliche Kernaufgabe weiterhin wahrgenommen werden? Die Antworten auf diese Fragen müssten und würden kommen und ihr wäre es lieber, sie kämen von der Denkmalpflege, als von einer Arbeitsstelle Verwaltungsmodernisierung oder aus dem Finanzministerium. Der in Niedersachsen eingeschlagene Weg einer forschungsorientierten Denkmalpflege mit einer Konzentration auf wenige, aber hervorragende Projekte erscheine ihr ein guter Lösungsweg. Das setze aber eine hohe Prognosegenauigkeit in der Einschätzung der archäologischen Fundlandschaft voraus, die nur durch eine konsequente Prospektion und die digitale Auswertung verschiedener Fachdatenbestände möglich sei. Denkmalpflege sei heute mehr eine Dienstleistung als staatlicher Eingriff. Gefragt seien Kompetenz, Kreativität und Kooperation und der Auf- und Ausbau eines breit angelegten Denkmalpflegenetzwerkes.
Der Vorsitzende des Verbandes der Landesarchäologen, Prof. Dr. Jürgen Kunow, dankte den Gastgebern, insbesondere Herrn Matthias Schön M.A., Kreisarchäologe des Landkreises Cuxhaven. Kunow wies auf die Verantwortung des Staates für den Schutz des kulturellen Erbes hin und erläuterte an herausragenden niedersächsischen Beispielen wie dem 400.000 Jahre alten Wildpferdjagdlager bei Schöningen mit den ältesten Speeren der Welt und dem Varusschlachtfeld in Kalkriese und dem in der Burg Bederkesa ausgestellten Gräberfeld von der Fallward die besondere Rolle, die die archäologische Denkmalpflege nicht nur für den Erhalt der Denkmäler spielt, sondern auch für die Erforschung des größten Teils der Menschheitsgeschichte.
Kolloquium
Das wissenschaftliche Kolloquium im Evangelischen Bildungszentrum Bad Bederkesa stand unter dem Motto Archäologie in Deutschland Zur Ausrichtung der archäologischen Denkmalpflege und ihres fachlichen Partnerfeldes bei sich verändernden Rahmenbedingungen.
In Bederkesa wurde das Kolloquium nicht wie sonst üblich in Form von Vorträgen gestaltet, sondern im Zentrum standen vier Workshops, die sich mit Schlüsselfragen der Archäologie und insbesondere der archäologischen Denkmalpflege unter sich verändernden zumeist verschlechternden Rahmenbedingungen beschäftigten. Die archäologische Denkmalpflege ist in Deutschland großen Veränderungsprozessen ausgesetzt. In vielen Bundesländern wurden und werden die Gesetze verändert, Personal abgebaut, Gelder gestrichen. Daher besteht ein dringender Bedarf, die Lage nüchtern anzusprechen, die Probleme zu formulieren und nach Lösungen zu suchen. Die etwa 100 Teilnehmenden aus allen Bereichen Deutschlands und des benachbarten Auslands konnten dabei ihre Erfahrungen aus unterschiedlichen Institutionen Landes- und Kommunalarchäologien, Museen, Universitäten, Forschungseinrichtungen einbringen. Die Workshopstruktur ermöglichte das Sammeln möglichst vieler Aspekte in knapper Zeit und versprach lebhafte Diskussionen und neue Ideen für die weitere Gestaltung sowie Impulse für die tägliche Arbeit.
Der Leiter des evangelischen Bildungszentrums, Dr. Jörg Matzen, erinnerte in seinem Grußwort daran, dass die im Kolloquium thematisierten Strukturprobleme fast alle gesellschaftlichen Bereiche betreffen. Am Beispiel des Elbe-Weserdreiecks zeichnete er die Folgen der Globalisierung für diesen ländlichen Raum auf, dessen Küstenbereich sehr stark vom Fischfang abhängig war. Mittlerweile läge der wichtigste Umschlagplatz für Fisch tief im Binnenland nämlich am Flughafen Frankfurt/M. Nach der Begrüßung durch Kreisarchäologen Matthias D. Schön M.A. leitete der Vorsitzenden des VLA, Prof. Dr. Jürgen Kunow in das Kolloquium ein. Da die Referate und Workshopergebnisse in diesem Band abgedruckt sind, sei hier nur ganz kurz darauf eingegangen.
Das Einführungsreferat von Prof. Dr. Manfred Eggert, Tübingen, hatte den Titel Archäologie im Umbruch Einführung in die Thematik. Der als Diskussionsanheizer verstandene Beitrag des Hochschullehrers machte noch einmal sehr deutlich, dass der Umbruch alle Bereiche der Archäologie betrifft. Nach einer Analyse der Ausgangsituation des Kolloquiums bot Eggert eine Außensicht auf die Institution Archäologie in ihrem gesamten unmittelbaren wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Umfeld. In seiner Binnensicht auf das Fach beklagte Eggert die Verteidigungsstrategie der einzelnen Fächer und das weit verbreitete Unvermögen, offensiv mit der Krise umzugehen und Neues zu gestalten. Er kritisierte, dass das Fach seine Schwierigkeiten damit habe, sich als historisch-kulturanthropologisches zu profilieren und stellte die provokative Frage, ob eigentlich wirklich der Mensch hinter den Artefakten das eigentliche Forschungsziel sei. In Zeiten extrem hoher Staatsverschuldung und eines Zeitgeists, der dem Profitstreben Vorrang gäbe, müsse die Frage nach dem Nutzen der Geisteswissenschaften und insbesondere der Archäologie plausibel beantwortet werden können und Eggert lieferte dann auch eine Begründung, die jeder Geisteswissenschaftler parat haben und leben sollte.
Präzise und umso ernüchternder war die Zusammenfassung des Problemhaushalts: Der rapide finanzielle und damit personelle Schwund gehe Hand in Hand mit deiner demographischen Schrumpfung. Der Staat werde versuchen, sich zunehmend Kosten verursachender Aufgaben zu entledigen mit Auswirkungen auch auf die Fachausbildung und das Berufsbild des Archäologen. Die bislang als hoheitliches Privileg begriffene Archäologie werde sich zunehmend auf eine privatwirtschaftlich finanzierte Dienstleistungsarchäologie verlagern, was zur Definition von Standards zwinge. Die Universitäten sollten dennoch anstreben, eine auch theoretisch fundierte Ausbildung zum nicht auf eine Berufssparte spezialisierten Archäologen zu leisten. Die Zukunft läge eindeutig in (Schwerpunkt-)projektbezogener, Kooperation zwischen den verschiedenen Institutionen. Aus der Zusammenarbeit im Netzwerk müssten aus allen Bereichen Fragen der Theoriebildung und Methodik angegangen werden auch und gerade in Bereichen, die über den engen Tellerrand der Disziplin hinausgehen. Eggerts abschließender Appell nicht jammern, sondern handeln war die geeignete Losung für die Arbeit in den sich anschließenden Workshops.
Die Aufteilung der Kolloqiumsteilnehmer/innen auf die vier parallel arbeitenden Workshops erfolgte nach dem Zufallsprinzip. Dadurch wurde die für den Austausch und die Diskussion wünschenswerte Heterogenität der mit je etwa 20-30 Teilnehmenden besetzten Arbeitsgruppen erreicht. Die Workshops waren inhaltlich von einer Vorbereitungsgruppe mit Vertretern aus Museum, Hochschule und Denkmalpflege unter Leitung von Frau Dr. Judith Oexle, Dresden, vorbereitet worden.
Workshop 1 unter der Leitung von Prof. Dr. Claus von Carnap-Bornheim, Schleswig und Dr. Hans Peter Kuhnen, Trier/Mainz beschäftigte sich mit dem Selbstverständnis der Archäologie in Denkmalpflege, Universitäten, Museen und Forschungseinrichtungen.
Angesichts der teilweise existenziellen Bedrohung stehe die Archäologie vor der Aufgabe, ihr Selbstverständnis zu überdenken und ihre Position in der von Globalisierung, Migration und technologischen Revolutionen geprägten Zweiten Moderne neu zu bestimmen. Die Arbeitsgruppe sieht den Weg in die Zukunft einmal auf der internen Ebene des wissenschaftlichen Diskurses und auf einer externen Ebene der Interaktion zwischen der Öffentlichkeit und den Fachrichtungen von Denkmalpflege, Museen und Universitäten. Eine wesentliche Schlussfolgerung des Workshops 1 war die Forderung, die Archäologie müsse sich nach Jahrzehnten der Materialaufbereitung wieder stärker dem Faktor Mensch zuwenden. Wenn es dem Fach gelänge, Geschichte zu erzählen, werde es sich unentbehrlich machen.
Workshop 2 widmete sich unter Leitung von Prof. Dr. Ullrich Müller, Kiel und Dr. Sebastian C. Sommer, München, den schrumpfenden (ökonomischen) Ressourcen und den daraus resultierenden Auswirkungen auf Bereiche wie Aufgabenerledigung, Qualitätssicherung oder Perspektiven für den Nachwuchs. Die Teilnehmenden stellten fest, dass derzeit hauptsächlich Krisenmanagement betrieben und manche Chance, die aus einer besseren Vernetzung entstehen könnte, noch nicht genügend genutzt würde. Gegenüber verwaltungs- und organisationstechnisch aufgezwungenen Kooperationswegen wurden konkrete projektbezogene, kurz- bis mittelfristige Kooperationen als besonders tragfähig eingeschätzt. Kooperationen seien umso erfolgreicher, wenn sie die fachliche Eigenständigkeit respektierten. Das Ziel, trotz schrumpfender Ressourcen ein gleich bleibendes universitäres, museales und denkmalpflegerisches Niveau zu halten, bedürfe hoher professioneller Kompetenz und der Bereitschaft seitens der Politik und Wirtschaft, Archäologie als unverzichtbares Identitätselement anzuerkennen und als Bewahrer und Erschließer des kulturellen Erbes zu fördern.
In Workshop 3 wurde unter Leitung von Dr. Hauke Jöns, Schwerin, und Prof. Dr. Frank Siegmund, Basel, das Thema archäologisches Wissen und Wissensmanagement bearbeitet und die Frage gestellt, ob Materialzuwachs gleich Erkenntniszuwachs bedeute. Der unbestritten hohe Materialzuwachs birgt die Chancen zum Erkenntnisgewinn, oft wird das enorme Potenzial aber nicht ansatzweise genutzt. Neben wirtschaftlichen Gründen wurden konzeptionelle Schwächen erkannt. Es wurde auch die beim Cottbusser Kolloquium des Jahres 2000 gestellte Frage nach der Selektion gestellt. Die Forderung nach einer schnelleren Vorlage der Primärdaten z.B. via Publikationen oder Internet berührt neben Kapazitätsfragen auch Fragen nach dem Urheberrecht und dem Publikationsprimat der Grabungsleiter/innen. Veränderungen im archäologischen Wissensmanagement und eine bessere Vernetzung könnten zur Lösung des Problems beitragen.
Workshop 4 schließlich beschäftigte sich unter Leitung von Dr. Henning Haßmann, Hannover und Prof. Dr. Willem Willems, Den Haag mit den Kernaufgaben der archäologischen Denkmalpflege in Deutschland und der Frage nach den Stärken der Archäologie. Das Thema Kernaufgaben wird derzeit sehr stark aus dem politischen Raum an die Archäologie herangetragen. Der Hintergrund sei häufig die Reduzierung auf die Kernaufgaben mit dem Ziel, andere Bereiche zur Einsparung aus dem Aufgabenkatalog zu streichen, zu reduzieren oder zu verlagern. Bei der Frage nach den Kernkompetenzen der Archäologie spiele die Verantwortung für den Schutz und die Pflege des irreversiblen kulturellen Erbes eine wichtige Rolle. Daraus leite sich auch der Anspruch an die Fachlichkeit ab. So kam aus der Arbeitsgruppe die Forderung, die Kernaufgaben nicht nur von bestehenden Gesetzen abzuleiten, sondern sich dafür einzusetzen, dass die Gesetze zumindest den Minimalkatalog an Kernaufgaben auch abdeckt. Hier sei der Blick in den europäischen Raum z.B. unter dem Stichwort Malta hilfreich. Die Kernaufgaben sind nach Einschätzung der Arbeitsgruppe Vermittlung/Öffentlichkeitsarbeit/wissenschaftliche Veröffentlichungen, Erhaltung in situ (mit Inventarisation, Erfassung und Denkmalarchivierung) und Erhaltung ex situ durch Ausgrabung, Fundarchivierung, Restaurierung und Konservierung. Schließlich gehört die Teilnahme am Planungsgeschehen und nach einhelliger Meinung auch die Forschung zu den Kernaufgaben. Dabei verfügt die Archäologie über eine Reihe von Kernkompetenzen und Alleinstellungsmerkmalen, die auch den gesellschaftlichen Nutzen der Archäologie belegen.
Am Nachmittag wurden die Berichte aus den Workshops im Plenum vorgestellt und unter der Moderation von Dr. Friedrich Lüth, Schwerin, und Prof. Dr. Egon Schallmayer, Wiesbaden, diskutiert. Bemerkenswert war, dass sich innerhalb der Workshops trotz der großen Gruppen, die ganz unterschiedliche Institutionen, Regionen und Ausrichtungen repräsentierten, in vielen Fällen ein recht homogenes Bild abzeichnete. Aus der zeitweise recht kontrovers verlaufenden Diskussion seien nur zwei Aspekte herausgegriffen, die in den Berichten und Referaten so deutlich nicht zu Tage traten. Ein Punkt war die gefühlte Ohnmacht Vieler gegenüber dem politischen Raum, der offenbar ohne für fachliche Argumente empfänglich zu sein, einschneidende Maßnahmen beschließe. Unter vielen Kollegen bestand die Erwartung, seitens der Ministerien und der Verwaltungsmodernisierer Vorgaben für die Umgestaltung der Archäologie zu erhalten. In dem Gedankenaustausch wurde vorgeschlagen, sich selbstbewusst und zielgerichtet einzubringen und so mitgestalten zu können, anstatt nur zu reagieren.
Die sächsische Landesarchäologin Dr. Judith Oexle, Dresden, griff einen Gedanken ihres Referates auf der Vorjahrestagung in Ulm auf. Sie stellte die Frage, ob die Archäologie auf die dramatischen demografischen Entwicklungen der nächsten Dekaden vorbereitet sei. Während für einige Ballungsgebiete eine Verdichtung prognostiziert werde, würden in vielen Regionen Ost- aber auch Westdeutaschlands ganze Landstriche modernen Wüstungsprozessen gleich nahezu entvölkert werden. Da dort kaum noch gebaut würde, ergebe sich für die archäologische Denkmalpflege ein Einsparpotenzial. Die Fundstellen zerfressenden Baumaßnahmen würden generell zurückgehen. Dem wurde vehement widersprochen. Die archäologische Denkmalpflege sei gemessen an der zu betreuenden Fläche und Fundstellendichte vielerorts auch jetzt schon unterbesetzt. Der Rückgang der Bautätigkeit ermögliche hoffentlich, zumindest in einigen Bereichen dem denkmalpflegerischen Auftrag etwas besser gerecht zu werden. Selbst in Gebieten mit geringster Bevölkerungsdichte erfordere z.B. der Rohstoffabbau wie etwa durch die Torf- und Humusindustrie eine permanente Präsenz der Bodendenkmalpflege. Auch bei Wiederaufforstungsmaßnahmen sei höchste Aufmerksamkeit seitens der Archäologie gefragt. Ein interessantes Beispiel, brachte Dr. Rolf Bärenfänger, Aurich, aus Ostfriesland ein. Dort sei trotz relativ dünner Besiedlung eine massive Bautätigkeit auf der archäologisch so bedeutsamen Geestkante am Übergang in die flache Marsch zu beobachten. Hier würden verstärkt Rentner aus dem Ruhrgebiet ihre Alterssitze bauen Tendenz steigend.
Archiv Boden kann gehalten werden Potenzial für Zukunft, trotz Schutzgedabken eine beträchtliche Betreuungsdichte
Den Abschluss bildete ein Resümee durch Prof. Dr. Falko Daim, dem neuen Direktor des Römisch-Germansichen Zentralmuseums Mainz. Sein Referat Überlegungen zur Archäologie im 21. Jahrhundert untertitelte er mit der Frage: Wie überlebt die Archäologie in der modernen Konsumgesellschaft? Da die Gedanken von Prof. Daim in dieser Publikation nicht in schriftlicher Form vorliegen, seien einige Aspekte seines Vortrages an dieser Stelle notiert.
Nach Einschätzung Daims ist ein Jahrhunderte alter Konsens zerbrochen, nämlich dass Bildung die Grundlage für ethische Reife ist und Entscheidungsprozesse wesentlich beeinflusst. In der modernen Konsumgesellschaft werde alles zur Ware degradiert, sogar der Mythos. Alle Prozesse würden mehr und mehr durch die Budgets gesteuert. Es zeichne sich eine Kommerzialisierung der Geisteswelt ab. Aber wie könne man einen Gedanken oder eine Idee in Kosten umrechnen? Archäologisch-historische Themen seien derzeit sehr populär, wie z.B. die Vielzahl von aktuellen Filmen zeige, die archäologische Elemente verwenden. Der Archäologie nütze das allerdings nichts. Das überlebensnotwendige vorrangige Ziel der Archäologie müsse das Erreichen bzw. Verbessern ihrer gesellschaftlichen Akzeptanz sein. Es müsse versucht werden nachzuweisen, dass die Wissenschaft von Wert und dass Archäologie unbedingt notwendig ist. Gleichzeitig müsse die Effektivität gesteigert werden. Archäologie kann aber nicht nur auf Dienstleistung reduziert werden, jede Wissenschaft brauche auch Freiraum für zweckfreie Forschung.
Prof. Daim entwickelte folgende Gedankenkette: Der Geist des Menschen ist gleichsam die Software für die Gestaltung des Lebens. Wie kann diese Software nutzbar gemacht werden? Der Mensch definiere sich selbst; das mache ihn zum historischen Wesen. Die individuelle Identität aus Daten und Fakten schaffe eine Realität, die im Konflikt mit der Realität anderer stehe. In der Möglichkeit zur Identitätsstiftung läge ein enormes Potenzial, so könne z.B. ein gemeinsames Bewusstsein für ein Europa der Regionen geschaffen werden. Man müsse sich natürlich stets auch der Gefahr der politischen Vereinnahmung des Identitätsgedankens gewahr sein. Schließlich spiele das Werteverständnis eine wichtige Rolle. Wissenschaft sei nicht wertfrei, aber ziellos. Das Generationensystem z.B. und die Urteilsweise seien Ergebnisse von Traditionen. Archäologie könne einen Beitrag zu Fragen von heute geben. Als Beispiel nannte Daim den Flächenbrand im Nahen Osten, dessen Ursachen nur durch die Geisteswissenschaften zu klären seien. Man solle die Archäologie nicht auf ihren Unterhaltungswert reduzieren, bzw. diesen Aspekt überstrapazieren. Zur Unterhaltung sei der Sport allemal besser geeignet. Die Geisteswissenschaften dürften sich nicht unter Wert verkaufen. Bemerkenswert sei, dass Spitzenleistungen in Naturwissenschaft und Technik vor allem dort gelingen, wo auch die Geisteswissenschaften gefördert werden.
Zur Finanzierung der Archäologie im 21. Jahrhundert forderte Daim die Grundversorgung durch den Staat. Um das zu rechtfertigen, sei die Archäologie aufgerufen, das Wertesystem der Politik und der Bevölkerung zu berücksichtigen und Akzeptanz und das Bewusstein für die Notwendigkeit der Archäologie durch überzeugende Arbeit zu fördern. Eine Schlüsselrolle spiele dabei das individuelle Bedürfnis nach der eigenen Geschichte, das viel mehr bedient werden könnte. Auch müsse die deutsche Archäologie, die zur Weltspitze gehöre, ihre Leistungen viel offensiver präsentieren und Grenzen überwinden. Auf dieser Basis könnten deutlich mehr Drittmittel eingeworben werden.
Im letzten Abschnitt seines Referates stellte Daim ganz konkret den Bezug zu den Kolloquiums-Workshops her, in dem er einige Aspekte aus den Arbeitgruppen und der Diskussion herausgriff. Die archäologische Denkmalpflege sei Teil der gesamten Forschungslandschaft. Sie trage wesentlich mit dazu bei, etwas über den Menschen herauszubekommen. Die Archäologie allgemein sei durch eine Politik des knappen Geldes bestimmt. Eine verbesserte Materialaufnahme, der optimale Einsatz digitaler Techniken und eine Optimierung der Kommunikationstechnik seien in dieser Zeit ebenso gefragt wie eine viel breitere Vernetzung und bessere Zusammenarbeit der Institutionen. Häufig sei das Funktionieren von Netzwerken von handelnden Personen abhängig. Daraus folgert Daim, dass man Vernetzung als Grundlage jedweder Förderung vorschreiben müsse. Als Beispiel dafür, dass so ein Verfahren zum Erfolg führen könne, führte er Mainz an, wo nur an vernetzte Partner Chancen auf Forschungsmittel haben. Für die Ausbildung des archäologischen Nachwuchses forderte er ein besseres Angebot auf dem Gebiet der Öffentlichkeitsarbeit. Das Fach selbst mit all seinen Facetten spreche per se die Öffentlichkeit an, jedoch müssten die Archäologen dieses Potenzial viel besser ausnutzen. Den Ausbau von Erlebnisparks hält Daim für vertretbar, aber um der Gefahr der Marginalisierung des Faches entgegenzutreten, müssten wissenschaftliche Forschungsergebnisse im Vordergrund stehen. Zudem regte er Studierenden dringend nahe, sich Zusatzqualifikationen anzueignen, um im Wettbewerb mithalten zu können. Im zusammenwachsenden Europa sei der Erwerb von Sprachkompetenz ein wichtiger Schlüssel. Daim legte der Kollegenschaft nahe, mit ihrem Fach noch mehr in die naturwissenschaftlichen Grenzbereiche vorzudringen. In der gegenseitigen Befruchtung lägen noch viele Möglichkeiten. Ohne Zweifel komme in der Zukunft der Akquisition von Drittmitteln eine Schlüsselrolle zu. Es sei dringend geboten, sich auch im Netzwerk über Forschungsziele zu verständigen. Schließlich sieht Daim im Wettbewerb der Institutionen auch eine Chance, denn Konkurrenz belebe bekanntlich das Geschäft. Seinen Schlussgedanken widmete der Referent den gesetzlichen Rahmenbedingungen. Prof. Daim appellierte insbesondere an die Denkmalpfleger, die eigenen Arbeitsziele nicht nur dem Willen des politischen Raumes zu unterwerfen sondern offensiv mit zu gestalten und sich dafür einzutreten, Recht zu schaffen. Dabei müsse insbesondere auch die Umsetzung internationalen Rechts eingefordert werden.
Exkursion
Die von der archäologischen Denkmalpflege des Landkreises Cuxhaven und dem Niedersächsischen Instituts für historische Küstenforschung in Wilhelmshaven (NIhK) organisierte abschließende Tagesexkursion ins westliche Elbe-Weser-Dreieck. Im Anschluss an die Erläuterungen von Dr. W. Haio Zimmermann, Direktor des NIhK, zu der beeindruckenden mittelalterlichen Wallanlage Monsilienburg bei Beverstedt präsentierte Kreisarchäologe Matthias Schön M.A. die Ausgrabungen des frühmittelalterlichen Gräberfeldes bei Dorfhagen. Die Sachsenforschung ist ein Schwerpunkt in der Arbeit der Archäologischen Denkmalpflege des Landkreises Cuxhaven. Während der Mittagspause im Bremerhavener Fischereihafen und der Fahrt vorbei am Museumshafen des Deutschen Schifffahrtsmuseums und dem Freihafen hatten die Exkursionsteilnehmer die Gelegenheit, maritimes Ambiente einzufangen. Bei Imsum schließlich führte Herr Schön die Gruppe in Sichtweite des Ochsenturmes über den Deich und zeigte die vom Meer eroberte Ortswüstung. Im Schatten der Tuffsteinkirche von Wremen berichtete der frühere Direktor des NIhK, Prof. Dr. Peter Schmid und seine Kollegen über das langjährige NIhK-Forschungsprojekt zum Landesausbau der Marschen, das unter dem Stichwort der noch als deutliche Erhebung in der flachen Marsch erkennbaren Wurtensiedlung Feddersen Wierde jedem Archäologen geläufig ist. Die durch Kleiablagerungen sensationell gut überlieferten Möbel aus dem unweit gelegenen Gräberfeld an der Fallward hatten die Tagungsteilnehmer bereits im Museum Burg Bederkesa sehen können. In der kaiserzeitlichen Heidenschanze gewährte Dr. Zimmermann die spannenden Einblicke in ein neues siedlungsarchäologisches Projekt am Übergang zur Geest bei Sievern vor.
Die nächste Jahrestagung des Verbandes der Landesarchäologen findet vom 8. bis 11. Mai 2005 im rheinland-pfälzischen Treis-Karden an der Mosel statt. Das diesjährige wissenschaftliche Kolloquium widmet sich unter dem Motto Wer stiehlt unsere Vergangenheit? Archäologische Quellen zwischen öffentlichem Interesse und privater Verwertung aus unterschiedlichen Perspektiven dem Thema Sondengänger, Raubgrabungen, illegale Archäologie und versucht Lösungswege aufzuzeigen.
Dr. Henning Haßmann
Niedersächsisches Landesamt für Denkmalpflege
Scharnhorststraße 1
30175 Hannover
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