Leitlinien zur archäologischen Denkmalpflege in Deutschland

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07.05.2013 Von: hessenARCHÄOLOGIE, E. Grönke

Erstmals römische Kastelle von Gaius Julius Caesar in Hessen nachgewiesen

Auf den ersten Blick sind die Funde wenig spektakulär, archäologisch sind sie eine Sensation: Beim Brückenneubau der Autobahn 3 bei Limburg haben Archäologinnen der hessenARCHÄOLOGIE 2012 zwei römische Kastelle ausgraben und dabei unter anderem Schuhnägel von römischen Soldatenschuhen gefunden, die aus der Zeit der Eroberung Galliens durch Gaius Julius Caesar stammen.


„Damit ist es zum ersten Mal gelungen, Militärlager Caesars auf der rechten Rheinseite, im heutigen Hessen nachzuweisen“, sagte Staatsministerin Eva Kühne-Hörmann, die gemeinsam mit dem Landesarchäologen Prof. Dr. Egon Schallmayer die Funde in der hessenARCHÄOLOGIE im Wiesbadener Schloss Biebrich präsentierte.
   
„Diese für die römische Geschichte in Deutschland überaus bedeutenden Militärlager mit ihren Funden wären ohne die wissenschaftlichen Ausgrabungen nicht bekannt geworden. Sie wären womöglich unerkannt geblieben und durch das Bauvorhaben unwiederbringlich zerstört worden. Das verdeutlicht einmal mehr die Notwendigkeit der archäologischen Denkmalpflege“, fügte die Ministerin hinzu.
  
Im Zuge der Straßenbauarbeiten hatte die hessenArchäologie das Gebiet oberhalb der Lahn untersucht. Eine vor der Ausgrabung vorgenommene geophysikalische Prospektion hatte völlig überraschend das Messbild zweier großer römischer Militärlager erbracht. Deren Größe zeigte sich dann bei der Ausgrabung. Das ältere Lager umfasst eine Fläche von zehn Hektar, vom jüngeren Lager unmittelbar oberhalb der Lahn konnten bislang vier Hektar freigelegt werden. Darüber hinaus fand sich eine mittel- bis spätlatènezeitliche keltische Siedlung (3. bis 1. Jahrhundert v. Chr.) direkt nordöstlich des älteren römischen Lagers.
   
Der Analyse der Bodenschichten zufolge wurde das ältere Lager von römischen Soldaten errichtet, als die keltische Siedlung noch bestand. Das jüngere Kastell wurde erst nach der Aufgabe der keltischen Siedlung gebaut. Da sich in den Kastellen nur wenige Objekte fanden und vor allem die Metallfunde bis zur Unkenntlichkeit in so genannten Eisenknollen zusammengedrückt waren, war eine Datierung erst nach der aufwändigen Restaurierung der Metallobjekte möglich. In einigen Eisenknollen aus dem jüngeren Lager kamen dann – eigentlich unspektakulär, weil für den Laien eher von profaner Bedeutung – für die Archäologie unendlich wertvolle Funde zutage: Schuhnägel von römischen Soldatenschuhen. Wie Vergleichsfunde zeigen, waren Schuhnägel in dieser speziellen Form und Größe zur Zeit des römischen Feldherrn Caesar um 50 vor Christus in Gebrauch.
    
„Mit Blick auf die Kriegstagebücher Caesars – De Bello Gallico(IV 16; VI 9), der beschreibt, dass er sich 55 und 53 v. Chr. nach einem aufwändigen Brückenbau über den Rhein mit seinen Truppen jeweils mehrere Tage lang im Gebiet der befreundeten keltischen Ubier aufgehalten hat, liegt die Annahme auf der Hand, in den aufgedeckten Lagern diese caesarischen Aufenthaltsorte zu sehen,“ erläuterte Landesarchäologe Prof. Dr. Egon Schallmayer.
   
„Die Brückenbauten und die anschließende Überquerung mit zwei Legionen war eine beeindruckende römische Machtdemonstration sowohl gegenüber den Germanen wie auch gegenüber den Gegnern Caesars in Rom und sollte den mit Rom befreundeten keltischen Ubiern den Rücken gegen die feindlichen germanischen Sueben stärken.
    
Offenbar ist der sich stratigrafisch ergebende Abstand zwischen dem älteren und dem jüngeren Lager bei Limburg auf die beiden Rheinüberquerungen in den Jahren 55 und 53 v. Chr. zurückzuführen. Es scheint, als habe Caesar 55 v. Chr. neben einer Siedlung der Ubier sein Lager aufgeschlagen. Nach seiner zweite Rheinüberquerung 53 v. Chr. wandte sich Caesar vermutlich auf dem Rückweg wieder dem bereits bekannten Lagerplatz zu – allerdings hatten die Ubier zu dieser Zeit ihre Siedlung bereits verlassen.
   
Obwohl literarische Quellenlage eindeutig ist, ist es bisher noch nicht gelungen, archäologisch nachzuweisen, wohin sich Caesar mit seinen Soldaten nach seinen Flussüberquerungen bewegt hat. Die Vermutung, dass er dabei die Lahn aufwärts vorgedrungen sei, hat sich nun durch die Entdeckungen der beiden Kastelle bestätigt. Sie lagen auf einer Vormarschroute, auf der Caesar wohl auch am Dünsberg vorbei gekommen sein und zumindest Kenntnis von der keltischen Salinenanlage in Bad Nauheim erhalten haben dürfte.
     
Wie seinen Berichten zu entnehmen ist, half er dem hier siedelnden Stamm der Ubier gegen die Sueben des Ariovist. Vermutlich lagen der Dünsberg und der Bereich der mittleren und unteren Lahn im Gebiet dieses mit Rom befreundeten Stammes, der bereits unter starken Druck der Ariovistsueben geraten war. Diesen war es gelungen, sich den direkten Zugriff auf ubische Ressourcen, wohl Eisenerz- und andere Rohstoffvorkommen, wie Salz aus Bad Nauheim, zu sichern. Es wird nun immer deutlicher, dass in dieser frühen römischen Erkundungsphase das Lahntal eine römische Einfallspforte in den germanischen Raum darstellt, die ca. 60 Jahre später in der augusteischen Okkupationsphase erneut genutzt wird.
    
Man darf daher gespannt sein, ob sich in Zukunft weitere archäologische Informationen aus dem Gebiet zwischen Lahn und Wetterau ergeben, ein Gebiet dass offenbar in der Zeit zwischen Caesar und Augustus möglicherweise wegen der Bodenschätze - Eisen, Blei, Silber -, dem Nachschubweg Lahn, wohl immer wieder in den Fokus der römischen Politik geriet“, betonte Schallmayer.
    
Zur weiteren Auswertung und Publikation der sensationellen Ausgrabungen wurde seitens der hessenARCHÄOLOGIE ein interdisziplinäres Forschungsprojekt ins Leben gerufen.