Leitlinien zur archäologischen Denkmalpflege in Deutschland

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12.02.2016 Von: Dr. Anja Endrigkeit, TLDA

Der „Herr von Boilstädt“ und die archäologische Ausgrabung zur Ortsumfahrung Gotha-Sundhausen

Eine spektakuläre Kriegerbestattung aus dem 6. Jahrhundert n.Chr.


Die archäologischen Ausgrabungen
Anlässlich der Bauarbeiten zur Ortsumfahrung Gotha-Sundhausen wurden von August 2012 bis November 2013 archäologische Ausgrabungen durch das Thüringische Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie (TLDA) nötig. Bei einer Trassenlänge von rund 3 km wurden insgesamt 2,5 ha ausgegraben. Es konnten dabei Befunde unterschiedlicher Zeitstellung dokumentiert werden, darunter eine Siedlung der jungsteinzeitlichen sog. Linearbandkeramik (ab 5500 v. Chr.), eine Siedlung der frühen Bronzezeit (um 2000 v. Chr.), Grabhügel der späten Bronzezeit (ca. 1000 v. Chr.) sowie Siedlungspuren und Bestattungen aus der Eisenzeit (ca. 500 v. Chr.) bis ins frühe Mittelalter.
Das unbestrittene Highlight bildeten zwei vollständig erhaltene, reich ausgestattete Kriegerbestattungen aus dem Frühmittelalter (um 600 n. Chr.), die in Holzkammern beigesetzt waren. Sie sind allein deswegen besonders und für die Forschung bedeutsam, weil entsprechende Gräber sonst meist nur beraubt, also unvollständig in ihrer Ausstattung und gestört in ihrem Grabzusammenhang bekannt sind. Die beiden Gräber bekamen auf der Grabung die nüchternen Bezeichnungen „Befund 96“ und „Befund 131“. Befund 96 erhielt den populären Namen „Herr von Boilstädt“.
Sie wurden im Oktober 2013 vollständig als Blockbergungen nach Weimar-Ehringsdorf gebracht, um dort in der Außenstelle des TLDA unter Laborbedingungen freigelegt zu werden. In akribischer Feinarbeit der Restauratoren war es damit möglich, eine Vielzahl an Details zu sichern. Als Befund mit überregionaler Strahlkraft erwies sich das Grab des „Herren von Boilstädt“.

Der „Herr von Boilstädt“ (Befund 96) –
eine reiche frühmittelalterliche Kriegerbestattung
Mit dem „Herren von Boilstädt“, können wir zum ersten Mal eine ungestörte herausragende christliche Bestattung um das Jahr 600 mit modernen Methoden erforschen, die aufgrund ihrer Grabausstattung weitreichende Beziehungen der thüringischen Elite belegt.
Die Arbeiten an dem insgesamt 17 t schweren Block begannen im Oktober 2014. Bis August 2015 erfolgte die Freilegung der Grabkammer und des Skelettes mit der zugehörigen umfassenden Dokumentation und Fundentnahme. Im September 2015 wurde das zuvor separat als Block eingehauste Skelett gedreht, um auch die Unterseite und darunter liegende weitere Funde freilegen zu können. Die Freilegungsarbeiten konnten im Oktober 2015 abgeschlossen werden, parallel wurde mit der Restaurierung der Funde begonnen.
Die Ausgrabung zeigte: Die hölzerne Grabkammer war ursprünglich von einem Grabhügel von ca. 8 m Durchmesser überhügelt gewesen. Der Tote war einst auf dem Rücken liegend auf einer hölzernen Liege gebettet worden; nachdem die Holzkonstruktion durch Verwitterung zusammenstürzte, rutschte er auf den Bauch und bedeckte einen Teil seiner Beigaben.
Zu den spektakulären Grabbeigaben gehören eine byzantinische Lampe mit christlicher Symbolik und eine westgotische Goldmünze (sog. Tremissis). Beide Funde sind in ihrem archäologischen Kontext bundesweit als einzigartig anzusprechen. Auch die Lage in der hölzernen Grabkammer und die übrigen Beigaben belegen die elitäre Stellung des Mannes; darunter die volle Waffenausstattung eines Kriegers, Reitzubehör, aber auch die Überreste eines Fisches, der möglicherweise die christliche Symbolik unterstreicht. Etwas abseits fanden sich zudem die Bestattungen eines Pferdes und eines Hundes – auch sie gehörten vermutlich zum Verstorbenen und folgten ihm ins Grab.

Das zweite reiche Kriegergrab (Befund 131)
Auch das zweite Kriegergrab war in einer hölzernen Grabkammer angelegt worden. Eine Überhügelung war hier nicht nachweisbar, ist aber wahrscheinlich. Die Bestattung wurde in insgesamt drei Teilblöcken über einen Zeitraum von zwei Wochen geborgen und am 09.10.2013 nach Weimar verbracht.
Die Ausgrabung der Blöcke konnte bereits bis Ende Dezember 2013 abgeschlossen werden, die Funde liegen inzwischen vollständig restauriert vor – Waffen und Ausrüstungsgegenstände, die auch hier in ihrer Ästhetik ebenso von den hohen technischen Fähigkeiten des frühmittelalterlichen Kunsthandwerks zeugen wie auch von der hohen gesellschaftlichen Stellung des Verstorbenen. Dies gilt besonders für eine mit Silber eingelegte eiserne Gürtelgarnitur.

Die kulturhistorische Bedeutung der Funde
Der Fundkomplex des Gräberfeldes Boilstädt gehört in die Zeit nach der Zerschlagung des Thüringer Königreiches durch die Franken. Die Mitglieder des Königshauses wurden entweder ermordet (Hermenafried 534, Bruder Radegundes 550), ins Frankenreich verschleppt (Radegunde und ihr Bruder 531) oder vertrieben (Amalaberga mit ihrem Sohn Amalafrid und ihrer Tochter nach 534 nach Ravenna und nach 540 nach Konstantinopel).
Die Franken versuchten die Thüringer in ihr Gefolgschaftssystem zu integrieren (Heirat Radegundes mit dem Frankenkönig Chlotar 540). Andererseits gab es bis in die Karolingerzeit Selbständigkeitsbestrebungen der Thüringer Oberschicht (Aufstand der Thüringer 786 unter Hardrad gegen Karl den Großen).
Die Ausstattung des Toten „Herren“ in der Grabkammer von Boilstädt weist ihn als einen Angehörigen dieser Oberschicht aus. Einzelne Stücke belegen auch Kontakte ins oströmische Reich (Öllampe) und ins Westgotenreich (Goldmünze), die als Hinweise auf eine nach wie vor bestehende oder zumindest angestrebte gewisse Selbständigkeit gegenüber den Franken gewertet werden können.