Leitlinien zur archäologischen Denkmalpflege in Deutschland

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07.06.2011 Von: Thomas Kersting, BLDAM

Archäologische Untersuchung der innerdeutschen Grenzanlagen in Glienicke-Nordbahn, Kr. Oberhavel

Brandenburg betritt "Neuland" in der archäologischen Forschungsgeschichte


in Im 50. Jahr nach dem Mauerbau, der die Deutsche Teilung für 28 Jahre zementierte, stellt sich des Fachamt für Bodendenkmal-pflege der Aufgabe, die ehem. Grenzanlagen auch als Bodendenkmale zu begreifen. Der Bodendenkmal-Begriff ist natürlich Wandlungen unterworfen, vor wenigen Jahrzehnten hat man sich noch kaum für das Mittelalter interessiert, seit einigen Jahren, eigentlich erst seit der Wiedervereinigung, kümmert sich
von Seiten der Archäologie intensiv um Erhaltung und Erforschung auch neuzeitlicher Objekte, bis hin zu solchen aus der Zeit des sog. „3. Reiches“, und aktuell rücken auch die Reste der innerdeutschen Grenze in unser Blickfeld.

 

Zum Zweck der Bodendenkmal-Erkundung werden an ausgewählten Stellen „minimal-invasive“ Eingriffe vorgenommen werden, um die im Boden vorhandene Bodendenkmalsubstanz zu kontrollieren und zu dokumentieren. Solche Untersuchungen haben in Brandenburg bisher noch nicht stattgefunden, wir betreten dabei sozusagen archäologisches „Neuland“ der Forschungsgeschichte.

 

Die Ergebnisse der Untersuchung in Glienicke-Nordbahn, die im Auftrag und in Regie des Fachamtes (Dez. Ltr. Archäologische Denkmalpflege Dr. Th. Kersting) stattfanden, haben alle Erwartungen übertroffen: unter Grabungsleitung vor Ort durch Th. Dressler (Fachfirma ABD Berlin) und Beteiligung der HTW Berlin unter Dr. Th. Schenk mit 8 Studenten konnten in einer zweiwöchigen Aktion seit Mittwoch 13.4.2011 die Reste eines im Grenzstreifen liegenden, abgerissenen Hauses, zwei Standorte von Kontrolltürmen (einer auf den Grundmauern des Hauses), Halterungen für Auslösedrähte, Strom und Telefonleitungen zu den Türmen, der Postenweg, und vor allem ein Fluchttunnel in 3 Metern Tiefe dokumentiert werden; dieser musste eigens um die Kellermauern des "im Weg liegenden" Hauses herumgeführt werden. Die Reste der eigentlichen Mauer und Hinterlandmauer sind dagegen spurlos beseitigt worden.

 

An Funden sind bisher Leuchtspurmunition, Koppelriemen sowie vergrabene Flaschen und Verpflegungsdosen der Grenztruppen geborgen worden. Aus dem Fluchttunnel stammen ein hölzerner Fensterrahmen als Aussteifung und Glühbirnen einer Lichterkette von der Beleuchtung. Die archäologischen Ergebnisse sind auch daher von ungewöhnlicher Aussagekraft, als die Verursacher der Erdeingriffe noch befragt werden können: Der Tunnel ist als der sog, „Aagaard-Tunnel“ bekannt, die Familie die ihn damals im Jahr 1963, gegraben hat und fliehen konnte, lebt heute wieder im ursprünglichen „Flucht-Haus“ nebenan und hat die Untersuchung mit Interesse und zahlreichen wichtigen Hinweisen verfolgt (s. Abb.).

 

Der freigelegte Haus- und Kontrollturm-Grundriss sowie der Abschnitt des Fluchttunnels werden dank des Entgegenkommens der Grundstückeigentümerin zunächst offen bleiben, bis zu den Gedenktagen im August. Der tiefe Schnitt, an dessen Sohle der Tunnel auf ca. 4 m sichtbar ist, ist abgesichert und mit einem Zelt gegen Witterungseinflüsse geschützt.

 

Die Gemeinde (Bgm. Dr. Oberlack) unterstützt die Arbeiten und hat Interesse, an die Ereignisse und Ergebnisse an Ort und Stelle in Form einer Gedenk-Stele zu erinnern. Über die Ergebnisse wurde schon lokal und überregional in Presse und TV berichtet, es finden schon jetzt zahlreiche Führungen statt.

 

In Vorträgen, Publikationen und Ausstellungen sowohl für Fachpublikum als auch für die breite interessierte Öffentlichkeit wird durch die beteiligten Institutionen weiter berichtet werden - u. a. am 15.6.2011 beim Facharbeitsgespräch „Grenzen als Archäologische Denkmale“ in Wünsdorf (vgl. http://50jahremauerbau.de/kalender/, sowie am 13.8.2011 im Haus der Brandenburgisch-Preußischen Geschichte in Potsdam).

 

 

Weitere Informationen und Bilder unter:

 

http://www.fluchttunnel-glienicke.de/


sowie


http://www.die-mark-online.de/nachrichten/landkreis-oberhavel/glienicke/fotostrecke-tunnel-grenze-1206670.html

Thomas Kersting, BLDAM