Leitlinien zur archäologischen Denkmalpflege in Deutschland

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12.06.2011 Von: E. Grönke, Büro für Öffentlichkeitsarbeit

Archäologische Begleitung des Projektes ParAllna

Gemeinde Weimar, Ldk. Marburg-Biedenkopf/Hessen


Durch den Neubau der Autobahn zwischen der Gemeinde Roth und Marburg- Süd (ehemalige B 3) wurde eine ökologische Ausgleichsmaßnahme notwendig. Dieses Feuchtbiotop, „ParAllna“ genannt, hat eine Länge von rund 4,5 km bei einer durchschnittlichen Trassenbreite  von rund 30 m. Dazwischen liegen mehrere Stillwasserzonen von jeweils rund einem Hektar, so dass das gesamte Projekt 16 Hektar umfasst. Mit der baubegleitenden archäologischen Betreuung der Maßnahme wurde die Fa. Wissenschaftliche Baugrund-Archäologie e. V. Marburg (Grabungsleiter vor Ort U. Schneider) beauftragt. Die fachliche Aufsicht führt Frau Dr. Christa Meiborg, Außenstelle Marburg der hessischen Landesarchäologie.


Die archäologischen Arbeiten begannen Mitte Juni 2010 und dauern bis voraussichtlich Ende Juni 2011. Dazwischen lag eine Winterpause von 2,5 Monaten. Während dieser Zeit wurden vom Grabungsteam rund 400 archäologische Befunde unterschiedlicher Zeitstellung ausgegraben und dokumentiert.


Mesolithische Funde (8500 bis 5500 v. Chr.)
Im Bereich zwischen der K 59 und der K 60 wurden durch systematische Feldbegehungen zahlreiche Funde des Mesolithikums gemacht. Dabei handelt sich z. T. um trapezförmige  Mikrolithen aus verschiedenfarbigem Silex unterschiedlicher Provenienz, die als ein Hinweis auf den weiten Aktionsradius angesehen wird. Sie geben Kenntnis von einer frühen Anwesenheit des Menschen im Lahntal zur Zeit der Jäger- und Sammler-Kulturen. Die ebenfalls aufgefundenen zahlreichen Werkzeuge und Abschläge aus Kieselschiefer bedürfen noch weiterer Untersuchungen, um sie chronologisch einordnen zu können.


Siedlungsbefunde der Schnurkeramik (ca. 2800-2500 v. Chr.)
Etwa 500 m südlich der Gemeinde Argenstein wurden Siedlungsspuren der sogenannten Schnurkeramik angetroffen. Sie bestehen aus mehreren Gruben bzw. Grubenresten, die ein erstaunlich großes Keramikensemble enthielten und einzelne Pfostengruben.


Eisenzeitliche Siedlungsspuren (850-50 v. Chr.)

Besiedlungsspuren der Eisenzeit wurden in drei Arealen festgestellt; südlich der K 59 wurde ein zweiteiliger Brennofen ausgegraben, der umfangreiche mittel- bis spätlatènezeitliche Keramik enthielt. Zwischen der K 60 und K 59 und unmittelbar südwestlich von Argenstein wurden umfangreiche eisenzeitliche Siedlungsspuren in Form von Vorratsgruben und Pfostenlöchern festgestellt, die sich jedoch nicht zu Hausgrundrissen rekonstruieren ließen.


Siedlungsbefunde im Randbereich des zukünftigen Freilichtmuseums „Zeiteninsel“
In diesem Areal dauern die Ausgrabungen derzeit noch an. Hier liegen rund 2/3 der festgestellten Befunde, die hauptsächlich der Hügelgräber-Bronzezeit (ca. 1600-1300 v. Chr.) und dem frühen Hochmittelalter (11.-Anfang 13. Jh.) angehören. Die bronzezeitlichen Siedlungsspuren in Form von runden Vorratsgruben sind stark erodiert und haben nur noch eine Erhaltungstiefe von rund 0,20 m. Dennoch liefern sie ein umfangreiches Keramikmaterial, u. a. recht viele für diese Zeitstellung typischen Bandhenkel.
Die mittelalterliche Besiedlung erstreckt sich mutmaßlich über die gesamte Nordhälfte des Areals und konnte nur in ihren Randbereichen untersucht werden. Ihr vermutetes Zentrum liegt auf dem Gelände des geplanten Museums und wird nicht archäologisch untersucht, sondern durch eine Erdaufschüttung im Boden erhalten.


Dennoch konnten zahlreiche, größten Teils rechteckige Eingrabungen mit steilen Wänden und ebener Sohle, die als Arbeitsgruben gedeutet werden, untersucht werden. Neben umfangreichem Keramikmaterial konnten Eisenfragmente, Metallschlacken und Speiseabfälle in Form von Tierknochen geborgen werden, die eine intensive Besiedlung bezeugen. Besonders hervorzuheben sind dabei zahlreiche Ofenkacheln, die auf einen gewissen Wohlstand hindeuten und ein geborstener Mahlstein einer Wassermühle, von dem noch Zapfloch und Außenrand erhalten sind.


Des Weiteren konnten vier Brunnen ausgegraben werden, von denen drei noch zu besichtigen sind. Dabei handelt es sich um zwei muldenförmige Brunnen ohne Aussteifung und einen sorgfältig aus Sandstein gesetzten Brunnen mit einem Innendurchmesser von 1,20 m und einer Baugrube von 3 m.


Die Sohle des Brunnens wurde bisher nicht ergraben; zu sehen ist eine sohlennahe Verfüllschicht mit  umfangreicher mittelalterlicher Keramik. Mit Spannung wird den tiefer liegenden Funden entgegen gesehen, die in den nächsten Wochen geborgen werden sollen.


Im Auftrag

Dr. Eveline Grönke